Miersch Mythenlese: Weltrettung mit Nebenwirkungen

Aus liberal 2/12 – Ausgabe 3/12 erscheint Anfang September und kann hier bestellt werden:

In der Klima- und Umweltpolitik gelten besondereRegeln. Statt zu argumentieren schlagen Politiker und Journalisten einen weihevollen Ton an. Opposition ist unanständig, wenn man die Welt retten muss. Diskutiert wird lediglich, wie schnell und wie einschneidend diese Rettung erfolgen soll. Ob das jeweilige Untergangsszenario überhaupt realistisch ist, ob die Ursachen vielleicht ganz woanders liegen, oder das ganze Problem eine Erfindung von Interessengruppen ist, wagt niemand zu fragen.

 

Alle Parteien schielen dabei auf die Grünen. Sie liefern die moralpolitischen Blaupausen, die alle leicht abgewandelt übernehmen. Die SPD fordert, dass alles sozialverträglich sein soll, die FDP rät zu marktwirtschaftliche Lösungsansätzen und die CDU übernimmt wenig später grünen Forderungen, und erklärt sie für alternativlos. Es gibt in Deutschland keine Partei, die es wagt, intelligente Gegenvorschläge in der Umwelt- und Klimapolitik selbstbewusst zu vertreten.

 

Die Grünen wiederum erhalten ihre Vorlagen von den großen Nichtregierungsorganisationen (NGOs), deren Ruf als Anwälte des planetaren Guten unerschütterlich ist. Die Bewertungen und Ziele grüner NGOs übernehmen fast alle Medien als objektive Wahrheit. Wissenschaftler, die zu anderen Ergebnissen als Greenpeace, BUND und Co. kommen, werden selten von Journalisten gefragt. Das gilt auch, wenn, wie im Falle der Grünen Gentechnik, fast alle Forscher die NGO-Politik für falsch halten.

 

Etwas Gutes braucht der Mensch. Früher war dafür die Kirche zuständig oder der Sozialismus. Religion und Ersatzreligion sorgten für Seelenheil, gaben Hoffnung, überstrahlten die Mühen des Alltags. Der Sozialismus hatte das Pech, dass er real wurde. Man sah, er war bei Weitem nicht so schön wie in der Fantasie. Die Kirchen verloren Überzeugungskraft weil ihr Trost für immer mehr Menschen zu irreal klang. Bei vielen Gläubigen blieb eine Leerstelle im Gemüt zurück. Der Kampf gegen Atomkraft und Kohlendioxid kam da genau richtig.

 

Die Guten gelten als selbstlos und interessenlos, allein ihrer hohen Moral verpflichtet. Eine mittelständisches Unternehmen wie Greenpeace Deutschland mit über 47 Millionen Euro Jahresertrag hat jedoch zumindest ein Interesse: den Erhalt der 187 Arbeitsplätze. Und die bleiben nur sicher, wenn  man der Öffentlichkeit weiterhin erfolgreich Schreckensszenarien verkauft, egal wie realistisch sie sind.

 

Aber lassen wir das und werfen einen Blick aufs Kerngeschäft der Guten: die Moral. Auch dort ist die Bilanz eher gemischt. Ein paar Beispiele:

 

• Grüne NGOs sorgten für das Verbot des Pestizids DDT, dessen Einsatz in der Landwirtschaft Vogelsterben verursacht hatte. DDT war jedoch auch die schärfste Waffe gegen Malaria. Auf Sri Lanka zum Beispiel sank dank DDT-Einsatz die Zahl  der Malariatoten von 7300 auf 17. Nachdem grüne NGOs ein Verbot durchgesetzt hatten, stieg die Opferzahl wieder drastisch an. Heute kostet das von Mücken übertragene Fieber laut WHO jährlich etwa eine Millionen Menschenleben.

 

• Grüne NGOs schützen uns vor der Pflanzengentechnik. Auf Druck europäischer Gentechnikgegner weigerte sich die  Regierung Sambias im Jahr 2002 amerikanische Nahrungsmittelhilfe an ihre hungernde Bevölkerung zu verteilen. Weil der Mais darin von Gentechnik-Pflanzen stammte.

 

• Grüne NGos haben uns vor der Roten Gentechnik geschützt. Das hessische Umweltministerium unter Joschka Fischer verhinderte deshalb in den 80er Jahren die Produktion eines besser verträglichen Insulins für Diabetiker, weil es gentechnisch hergestellt wurde. Die Firma musste nach Frankreich ausweichen, von wo dann das dringend benötigte Insulin dann importiert wurde.

 

• Grüne NGOs unterstützen den Biolandbau. Die EHEC-Epidemie im Frühsommer 2011 war die schlimmste Lebensmittelverseuchung in der Geschichte der Bundesrepublik.  53 Menschen starben. 855 entwickelten eine lebensgefährliche Nierenfunktionsstörung. Mehr als 30 von ihnen sind seither auf Dialyse angewiesen. Ursache waren Bio-Salatsprossen aus einem Biobetrieb in Niedersachsen.

 

• Grüne NGOs treten für erneuerbare Energien ein. 220 000 Vögel werden alljährlich von deutschen Windkraftanlagen zerhackt. Um den Strom eines Atomkraftwerks von Typ Biblis A zu liefern, müssen 6800 Windkraftanlagen errichtet werden. In Südostasien roden Palmölkonzerne Tausende Hektar Urwald, um Biodiesel zu produzieren.

 

Man stelle sich vor, Konservative oder Liberale wären schuld an solchen Desastern. Wie viele Fernsehfilme, Tatort-Krimis und Talkshows hätten sich schon damit befasst? Die  Kollateralschäden  der Weltretter werden jedoch schweigend in Kauf genommen. Es ist doch alles so gut gemeint.

Kommentare

  1. Bendolino meint:

    Das Problem ist nicht, das die Leute nicht mehr an Gott glauben, das Problem ist der Unsinn, an den Sie stattdessen glauben.

  2. Super Artikel, der die aktuelle Lage bei der Umwelt- und Klimapolitik auf den Punkt bringt!
    Eine Frage hätte ich aber noch: Woher kommt die Zahl 220.000? Quelle?
    Habe im Internet leider nichts gefunden.. :(
    Gruß, Mats

    • Tim Hardenberg meint:

      @mats

      Laden Sie sich doch mal die Studie von Dr. Hermann Hötger (Michael-Otto-Institut im NABU)
      „Auswirkungen des Repowering von Windkraftanlagen auf Vögel und Fledermäuse” (Untersuchung im Auftrag des Landesamtes für Natur und Umwelt des Landes Schleswig-Holstein) von 2006 herunter, dort finden Sie entsprechende Zahlen.

      Link: http://bergenhusen.nabu.de/imperia/md/images/bergenhusen/windkraft_endbericht.pdf

      Da die Anzahl der Onshore-Windkraftanlagen bis heute (2012) weiter kräftig gestiegen ist, dürften damit auch die Zahlen der zerhächselten Tiere – vorsichtig geschätzt – proportional mitsteigen. Nicht erfasst sind in den Zahlen von Dr. Hötker die getöteten Vögel und Fledermäuse, die nicht mehr im Bereich der Windkraftanlagen auffindbar waren, weil sie inzwischen zur Fraß von kleinen Raubtieren (Füchse, Marder, Krähen…..) wurden. Die Dunkelziffer der Opferzahlen dürfte damit ebenfalls viel höher liegen.

      In einer ähnlichen Größenordnung bewegen sich übrigens die Zahlen von durch Windkraftanlagen getöteter Fledermäuse. Eine diesbezügliche Studie von Dr. Robert Brinkmann „Untersuchungen zu betriebsbdingten Auswirkungen von Windkraftanlagen auf Fledermäuse im RB Freiburg” (im Auftrag des Regierungspräsidiums Freiburg, Referat Naturschutz und Landschaftspflege) von 2006 können Sie unter folgendem Link downloaden:

      Link: http://www.rp-freiburg.de/servlet/PB/show/1158478/rpf-windkraft-fledermaeuse.pdf

      In der Studie heißt es zur diesbezüglichen Standortplanung von Windkraftanlagen: „Für die Planung von Windkraftanlagen im Regierungsbezirk Freiburg bedeutet dies, dass aufgrund des möglicherweise hohen Konfliktpotenzials im Einzelfall die artenschutzrechtlichen Aspekte des Fledermausschutzes im Rahmen von Genehmigungsverfahren intensiv berücksichtigt und sorgfältig abgearbeitet werden müssen.” …. Das war 2006. Da sprach man bei Standort-Genehmigungsverfahren noch von „harten” Tabuzonen. Inzwischen werden im Namen einer „gelingenden Energiewende” bereits großzügig Windpark-Standorte in Wäldern erschlossen, z.B. im Hunsrück (Rheinland-Pfalz). Was das in diesem Zusammenhang auf die damit rasant steigenden Zahlen getöteter Fledermäuse bedeutet, braucht wohl nicht weiter erwähnt zu werden, da in Wäldern die Zahl der Fledermauspopulationen bekanntermaßen weitaus höher ist, als in unbewaldeten Regionen.

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      Tja, wenn man das Weltklima retten will, darf man eben nicht zimperlich sein in der Wahl seiner Mittel….. da muss die Natur halt weichen!
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      Gruß
      Tim Hardenberg

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